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Mata Hari in Rumänien?

9. April 2010

Zur Biographie der „Nazi-Agentin“ Edit von Coler

Den Buchumschlag ziert das Porträt einer eleganten, im Stil der 1920er Jahre gekleideten Dame. Die ansprechende Gestaltung des Covers in den Reichsfarben schwarz-weiß-rot (gleichzeitig die der Hakenkreuzflagge!) und der Untertitel „Als Nazi-Agentin in Bukarest“ wecken die Neugier des Lesers. Das im Hermannstädter Schiller-Verlag erschienene Buch des Franzosen Jacques Picard versucht Licht in das Wirken einer geheimnisvollen Akteurin auf der politischen Bühne Rumäniens vor 1939 und nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zu bringen.

Mata Hari ist bis heute der Inbegriff der raffinierten Spionin, die mit ihrer erotischen Ausstrahlung hohen Offizieren militärische Geheimnisse entlockt. Der Name Edit von Coler sagt jedoch den wenigsten etwas. Den Versuch, diese Lücke zu füllen, macht das Buch von Jacques Picard.

Wer war die mysteriöse Unbekannte? Welche Rolle spielte sie in der deutschen und rumänischen Politik? Weshalb gilt sie bis heute als schillernde Persönlichkeit?

Edit von Coler wird 1895 als Edit Heinemann in Berlin geboren. Als Kind konservativer, wohlhabender Eltern hat sie Zugang zu höchsten Kreisen. Im Jahr der Russischen Oktoberrevolution heiratet sie den Oberleutnant Ulrich von Coler, später Oberst der Wehrmacht und der finnischen Armee, bei der er sich im Kampf gegen die Bolschewisten Verdienste erwirbt. Trotz der Geburt der (einzigen) Tochter Jutta (1918) trennt sich das Paar 1922. Hauptgrund ist der schwerreiche Geschäftsmann Paul Lohmann, der Edit bis 1930 ein märchenhaftes Leben ermöglicht, das sie zur Gründung einer Yachtschule und zum Erwerb des Kapitänspatents nutzt – als einzige Frau ihrer Zeit. Sie soll auch rechtskonservative Verbände finanziell unterstützt haben. Antrieb ihres Handelns ist die Beseitigung der Folgen des Vertrags von Versailles, der nicht nur in ihren Augen Deutschland zutiefst gedemütigt hat. Schon früh (Mai1931) tritt sie in die NSDAP ein und macht Karriere. Sie wird Dramaturgin beim Staatstheater, vermutlich eine Tarnfunktion, um „Salonspionage“ zu betreiben. Im März 1935 avanciert sie dank ihrer Fremdsprachenkenntnisse zur Auslandspressechefin im Reichsnähramt. Das Interesse an Rumänien wird geweckt durch ihre Vorliebe für rumänische Zigeunermusik!

Das frankophile Rumänien war als Mitglied der „Kleinen Entente“ in den 20er Jahren zur Regionalmacht im Südosten Europas aufgestiegen. Da es für Hitlers Pläne zur Eroberung von „Lebensraum“ in Russland beste Voraussetzungen bot (geopolitische Lage und die weltweit fünftgrößten Erdölvorkommen), versucht Deutschland dieses Land „friedlich“ zu erobern. Dafür scheint eine so kluge, gewandte, begabte und außerdem wunderschöne Frau bestens geeignet, zumal sie treu zur Nazi-Ideologie steht.

Ihren ersten spektakulären Coup landet sie, als sie den Streit zwischen den beiden seit 1935 rivalisierenden rumäniendeutschen NS-Parteien im Oktober 1938 innerhalb von 48 Stunden schlichtet. Es ist viel darüber gerätselt worden, wie ihr dies so schnell gelingen konnte. Vermutungen legen nahe, sie habe als Beauftragte der Nazis den Radikalen damit gedroht, daß die NSDAP ihnen die Finanzierung streiche. Damit mischt sich das „Mutterland“ nach 800 Jahren erstmals in die Politik der hiesigen Volksdeutschen ein.

Auch in Rumänien findet sich wieder ein großzügiger Mäzen: Der 54-jährige germanophile Industrielle Nicolae Malaxa ist der reichste Mann Rumäniens, eine „byzantinische Figur“ (75), die zudem auf die Presse Einfluß nimmt. Durch ihn bekommt sie einen einjährigen Vertrag beim „Curentul“ (ihr Name erscheint jedoch nicht im Impressum), wird fürstlich bezahlt und bewohnt ein komplettes Appartement im Hotel Athenée Palace.

Sie beginnt sofort mit vollem Einsatz ihre Aktivitäten im Sinne des Deutschen Reichs. Schon Anfang 1939 wird der französische Geheimdienst auf sie aufmerksam und verdächtigt sie, Gestapo-Agentin zu sein. Zum deutsch-rumänischen Wirtschaftsvertrag, der die für Deutschlands Kriegspläne notwendigen Erdöllieferungen garantiert, hat sie im Hintergrund Wesentliches beigetragen – nach ihren Worten arbeitet sie nur für die „Sicherung des Friedens“ und die „friedliche Gewinnung eines wirklichen Freundes für Deutschland“ (98). Ihr Wirken in Bukarest ist für Agenten unterschiedlicher Staaten auffällig. Die Vielzahl ihrer Kontakte weckt sogar das Mißstrauen der Gestapo, die sie verdächtigt, eine Doppelagentin zu sein.

Nach dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich und dessen Kapitulation am 14. Juni 1940 hat Rumänien nicht mehr die politische Kraft, sich gegen die „Umarmung“ der Deutschen zu wehren. Zudem droht die Sowjetunion mit einem Angriff, wenn die Nordbukowina und Bessarabien nicht an sie abgetreten werden. Der „Wiener Schiedsspruch“ führt zur Rückgabe Nordostsiebenbürgens an Ungarn. Auch die Süddobrudscha geht zurück an Bulgarien. Dies ist das Ende von Großrumänien und das politische Aus für Carol II., der kurz danach abdanken und ins Exil gehen muß. Davor erhält Edit von Coler noch die lang ersehnte Privataudienz beim König – ohne die Genehmigung der deutschen Gesandtschaft. Sie hat sich darauf gut vorbereitet und wird beim einstündigen Gespräch mit dem König zahlreiche wirtschaftspolitische Fragen ansprechen. Ihr eigenmächtiges Handeln verärgert die Vorgesetzten in Bukarest und Berlin. Sie wird abberufen und muss am 2.8.1940 das Land verlassen. In Deutschland wird ihr der Paß abgenommen, und sie wird bis zum Kriegsende nicht mehr ins Ausland reisen dürfen.

Wie es ihr nach dieser Enttäuschung ergeht und was mit ihr bis zum Kriegsende und danach passiert, berichtet der Autor weiterhin faktenreich und spannend. Sie stirbt am 14.5.1949 im Alter von nur 54 Jahren. „Das Grab Edit von Colers gibt es nicht mehr“ (208).

Was ist das Faszinierende an dieser Frau? Sie war eine intelligente, gebildete, überdurchschnittlich begabte und versierte Diplomatin, hervorragend dafür geeignet, im Dienste einer Sache zu agieren, zu vermitteln und politische Erfolge zu erringen. Aus ihrer Perspektive handelt sie mit den besten Absichten. Leider setzt sie ihre überragenden Fähigkeiten für ein verbrecherisches Regime ein.

Das Buch ist die erste Biographie dieser undurchsichtigen Persönlichkeit. Der Autor übersetzte sein Werk selbst ins Deutsche. Vor allem Zitate aus Edit von Colers zahlreichen Briefen und aus dem Tagebuch vermitteln den LeserInnen ein detailliertes Bild der rumänischen Zwischenkriegszeit. Es ist im besten Sinne populärwissenschaftlich, von den Fakten her gediegen, spannend erzählt, im Allgemeinen korrekt formuliert, mitunter in einem etwas saloppen Stil. Ärgerlich sind zahlreiche Druckfehler im Text und Ungenauigkeiten bei den bibliographischen Angaben. Am Schluß sind Kurzbiographien wichtiger politischer Persönlichkeiten zu finden, leider fehlt ein Personenregister.

Das sind aber geringfügige Mängel einer im übrigen verdienstvollen Biographie. Dr. Paul Milata, der den Anstoß zu diesem Werk gab, hat das Vorwort dazu geschrieben. Es kann als Glücksfall gewertet werden, daß Picard in vielen Gesprächen mit Jutta Schröder, dem einzigen Kind Edit von Colers, noch wichtige Details über die Mutter erfuhr. Die Tochter starb im November 2009 - ihr ist das Buch gewidmet.

Der Autor hat das Manuskript im Dezember 2009 abgeschlossen, aber sein Erscheinen nicht mehr erlebt. Er starb im März dieses Jahres in seinem 66. Lebensjahr in Le Val d’Ajol in den Vogesen.

Konrad Wellmann in der Hermannstädter Zeitung vom 09.04.2010

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