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Wer darf den Oberlehrer für rumänische Geschichte spielen?

27. September 2017

Warum Lucian Boias Werk „Wie Rumänien rumänisch wurde“ trotzdem überzeugt

Von Dr. Dan Caramidariu, ADZ vom 23-9-17

Dass ein veröffentlichtes Wort nicht mehr dem Autor gehört, sondern dass es eine eigene Existenz entfaltet und somit jenen Inhalt bekommt, der dem (Vor)wissen, dem Geschmack, den Vorlieben und den Vorurteilen des Lesers am ehesten entspricht, das dürfte keine Neuheit sein. Damit muss wohl jeder leben, der zur Feder greift. Nicht das, was der Autor bezweckt hat, ist mehr wichtig, sondern das, was die Empfänger begreifen. Und wenn es sich dann auch noch um eine Übersetzung handelt, wird die Sache nur noch komplizierter. Deshalb gibt der Autor dieser Zeilen zu, dass er die deutsche Übersetzung des Buchs „Cum s-a românizat România“ („Wie Rumänien rumänisch wurde“) von Lucian Boia, 2016 im Schiller Verlag erschienen, nicht gelesen hat. Er hat die 2015 erschienene Originalfassung gelesen. Und die in der ADZ Nr. 6200 vom 9. September veröffentlichte Rezension der deutschen Übersetzung, verfasst von Dr. Jürgen Henkel. Die Interpretation, die Dr. Henkel liefert, ist, gelinde gesagt, das Ergebnis eines Rumänien-Begriffs, das sich allzu sehr von der Realität entfernt. Obwohl er den Historiker Boia zu schätzen scheint, wirft ihm Dr. Henkel vor, subjektiv und einseitig zu argumentieren. Das Buch sei ein Versuch zur Dekonstruktion des Rumänentums, eine Negation jedweder Eigenleistung des rumänischen Volkes. Boia würde Tatsachen unterschlagen, unwissenschaftlich arbeiten und sich zum Oberlehrer seiner Nation gerieren. Als ob die Rezension nicht Dr. Henkel unterschreibt, sondern Ioan-Aurel Pop, der Klausenburger Professor, der in Lucian Boia einen Volksverräter sieht. Das Fazit des Buches entdeckt Dr. Henkel in der These, dass es die Rumänen eigentlich gar nicht gibt. Ärgerlich sei das, was Boia alles nicht schreibt sowie der Verzicht auf eine komparative Darstellung. Er würde echte Völkermorde verharmlosen, vor allem wenn er schreibt, die Auswanderung der Minderheiten könne mit der Wirkung eines Genozids verglichen werden. Es erschließe sich also kaum, was der Historiker „mit dieser seltsam subjektiven wie selektiven und vor allem destruktiven Schrift wirklich erreichen will“. Bedauernswert ist vor allem, dass der Rezensent, ein Bundesdeutscher, der die rumänische Gesellschaft, Kultur und Geschichte bestens kennt (oder kennen müsste), so wenig von dem begreift, was Boia mit seinem Buch bezweckte. Was er sagen wollte. Wem er es sagen wollte. Und wie er es sagen wollte. Der Band ist nicht mehr so aktuell, wie Dr. Henkel meint. Erschienen ist er in der rumänischen Originalfassung vor zwei Jahren. Inzwischen hat Lucian Boia weitere drei Bücher veröffentlicht, eines über Mihai Eminescu. Den er also doch kennt, der Vorwurf von Dr. Henkel, Boia tue so, als ob es Eminescu, Enescu, Blaga und Brâncu{i nicht gegeben hätte, ist zumindest im Falle des Ersteren entkräftet. Selbst die deutsche Fassung des Buches stammt aus dem Jahr 2016. Das Buch hat Boia nicht für das Ausland geschrieben, sondern für seine inländische Leserschaft. Für die breite Leserschaft, nicht für seine Historikerkollegen oder für andere Wissenschaftler. Es ist in einer einfachen Sprache geschrieben, damit es zum Beispiel auch im Geschichtsunterricht der Gymnasialschüler benutzt werden kann, damit Bürger mit durchschnittlicher Bildung die Geschichte ihres Landes begreifen, den Mythenballast der nationalkommunistischen Geschichtsschreibung abwerfen und unter Umständen ihr Volk und vielleicht auch sich selbst in einem anderen Licht sehen. In einem solchen, das ihnen den längst nicht zu Ende gegangenen Weg nach Europa besser beleuchtet. Dafür bedarf es keines ermüdenden Begleitapparats, keiner langen Bibliografie und keiner Quellenauswertung. Boia kennt zweifelsohne solche Quellen, es muss ihm also gegönnt sein, ein solches Buch zu schreiben. Vielleicht macht er sich ein zu leichtes Leben, vielleicht verfolgt er (auch) einen kommerziellen Zweck, vielleicht sagt er nicht immer alles, was gesagt werden könnte. Aber dies mindert den Bildungserfolg seiner Bücher nicht. Er nimmt einen Auftrag wahr, den die Schule längst verfehlt hat und dem Massenmedien keineswegs gerecht werden. Sein Büchlein hat nicht den Anspruch, die gesamte Geschichte der Rumänen zu decken, nicht einmal die Beziehung der Rumänen zu den Minderheiten und die Rumänisierung in ihrer Gesamtheit darzustellen, sondern nur eine Einführung in ein schwieriges Kapitel der rumänischen Geschichte zu liefern. Deshalb unterliegt der Rezensent einer Fehleinschätzung, wenn er meint, dass Boia Fakten präsentiert, die hinlänglich bekannt sind. Das sind sie nicht. Dem Durchschnittsrumänen keinesfalls. Dem Abiturienten nicht, der im ersten Jahr auf der Rechtsfakultät nicht begreifen kann, warum in der Verfassung vom Freiheitskampf von 1989 die Rede ist, aber auch dessen Vater oder Großvater nicht, die mit nationalkommunistischen Parolen groß geworden und die fast allen Lügen verfallen sind, die sie vor und nach 1989 gehört haben. Es sind nicht nur nationalistische Wirrköpfe, die wichtige Fakten bestreiten, wie Dr. Henkel glaubt. Ein Teil der rumänischen Gesellschaft vertritt Auffassungen, die keinesfalls salonfähig sind. Eben solche Bürger sollten Boias Buch lesen und höchstwahrscheinlich hat Boia vor allem an diese gedacht. Ja, Boia spielt manchmal den Oberlehrer der Nation, aber lieber tut er das als so mancher seiner Kritiker. Es gibt diese Kritiker, sie führen gegen ihn einen echten Kulturkampf, ausgetragen auf Fachkonferenzen, auf Dakerfesten in den Bergen oder in den Seiten irregeleiteter Publikationen. Befremdlich, dass ein Bundesdeutscher in der Tat glaubt, dass die Existenz des muttersprachlichen Unterrichts, der Zeitungen, der Radio- und Fernsehsendungen vor 1989 zur Genüge beweist, wie gut es unter der kommunistischen Diktatur Rumäniens Minderheiten hatten. Solche Thesen sind bekannt, sie zählen zu den Stammtischtiraden solcher, die die Deutschen stets gelobt haben, unsere Deutsche waren das. Schade nur, dass eine wie Herta Müller sich so undankbar gegenüber dem Vaterland gezeigt hat, schließlich durfte sie ja auf Deutsch lernen. Zurück aber zu den komparativen Darstellungen, die der Rezensent so vermisst. Boia schreibt über Rumänien und über die Rumänen. Er ist nicht gezwungen, darauf hinzuweisen, dass die Franzosen keine Minderheiten anerkennen wollen, dass Ostfriesen und Bayern in Deutschland Probleme hätten, dass der rumänische Nationalismus nur die Fortsetzung einer ideengeschichtlichen Tradition des 19. Jahrhunderts sei. Noch einmal: Boia schreibt nicht für Fachleute. Das hat eben Vor- und Nachteile. Dr. Henkel sei um Verzeihung gebeten: Was soll unter der vergleichsweise soliden rechtlichen Absicherung verstanden werden, die die Verfassung von 1923 den Minderheitenkirchen zugestanden haben soll? Vielleicht ist es schwierig für einen Bundesdeutschen zu begreifen, dass geschriebene Gesetze in diesem kulturgeschichtlichen Raum immer wieder zu leeren Worthülsen verkommen, vor allem dann, wenn es die angeblich höhere Staatsräson will. Rumäniens Geschichte der Zwischenkriegszeit beweist dies eindringlich. Zu dem Thema gibt es inzwischen Fachliteratur von bester Qualität, nicht nur solch unseriöses Gelaber wie Boias Buch, versteht sich. Und: So sehr einem die Orthodoxe Kirche am Herzen liegen dürfte, ihre Geschichte ist längst nicht so sauber, wie so mancher es haben möchte. Nicht nur in der Beziehung zu den Unierten. Jedenfalls verharmlost Boia keinen echten Völkermord, dieser Vorwurf ist nicht haltbar. Und er ignoriert nicht die Existenz von Eminescu, Enescu, Blaga und Brâncu{i. Übrigens, Eminescu war ein Fremdenhasser sondergleichen. Sein Fremdenhass war derart ausgeprägt, dass viele seiner Schriften von den Kommunisten in ihrer Anfangsphase verboten und erst in den 1980er Jahren wieder hervorgekramt wurden. Boia erzählt seinen Landsleuten kurz und knapp, dass ihre Geschichte nicht unbedingt die ist, die ihnen in der Schule beigebracht wurde, dass das Land durchaus nicht homogen war, dass es noch viele andere gab und teilweise gibt, die keine unwesentliche Rolle im vergangenen Jahrtausend gespielt haben. Dr. Henkel dagegen erweist Boias Kritikern einen großen Dienst, den diese nicht verdienen. Boias Buch bleibt eine gelungene Mischung aus Provokation und Inhalt, es liefert genug Inhalt, um der Provokation den entsprechenden Rahmen zu bieten. Man kann sich also wirklich auf sein nächstes Buch freuen, die undankbare Rolle des Wachrüttlers bekleidet er bestens.

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