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Heller: Rumänien. Bilder aus einer verlorenen Zeit.

23. Juni 2021

Wilfried Heller

Rumänien. Bilder aus einer verlorenen Zeit. Eine fotografische Landeskunde Rumäniens vor und nach der Wende

Bonn/Hermannstadt: Schiller-Verlag 2020, 256 S., 738 Farbfotografien, ISBN 978-3-946954-77-4

Rezensent: Jürgen Henkel, Selb-Erkersreuth

Der deutsch-rumänische Schiller Verlag hat in der Vergangenheit bereits einige höchst unkonventionelle Bücher vorgelegt. Mit dem neuen großformatigen Band von Wilfried Heller übertrifft sich der Verlag allerdings selbst. Auf 256 großformatigen Seiten legen Heller und der Verlag eine „fotografische Landeskunde Rumäniens" vor, wie es sie in dieser Form noch nicht gegeben hat. Gleichzeitig entsteht eine Bilddokumentation des Landes über mehrere Jahrzehnte mit Schwerpunkt auf der sozialistischen Zeit bis 1989, die 570 der 738 Fotografien dokumentieren.
Die Bilder bis 1989 stammen aus vier persönlichen Forschungsreisen und drei Exkursionen des Autors mit Geografiestudenten und -studentinnen der Universität Göttingen zwischen 1971 und 1989, die restlichen von fünf Reisen und Exkursionen zwischen 1991 und 2000. Nur ein knappes Dutzend der Bilder stammt nicht vom Autor, sondern von Dritten. Es entsteht ein unglaublich authentischer Eindruck von Rumänien vor und nach der Wende. Die Fotografien werden begleitet und ergänzt von konzentrierten Texten aus geographischer und historischer Sicht. Diese bieten auf knappem Raum sehr viele wertvolle und auch aktuelle Informationen und Daten. So liegen etwa bei den statistischen Zahlen zur Bevölkerung Daten von 2017 zugrunde. So liefert der Band nicht nur eine einzigartige historische Dokumentation zu Rumänien in Bildern, sondern eben auch eine gediegene und präzise geschichtliche und geografische Darstellung.
Das Buch ist nach den historischen Regionen Rumäniens gegliedert. Alle werden umfangreich gewürdigt. Dabei startet der Band im Zentrum mit Transsilvanien/Siebenbürgen. Gefolgt von Darstellungen zum Banat, dem Kreischgebiet (Crişana), der Region Sathmar, der Maramuresch, der Bukowina, der Moldau, Muntenien, Oltenien und der Dobrudscha mit Donaudelta. Hier wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, die Reihe der Regionen mit Muntenien und der Haupstadt Bukarest beginnen zu lassen. So kommen kleine Gegenden von doch überschaubarer Bedeutung im Nordwesten des Landes, die sich teilweise nur auf einen Kreis beziehen wie etwa Sathmar früher zum Zuge als die weitaus wichtigere Region Muntenenien mit der Hauptstadt Bukarest.
Der Band bezieht sich auf die historischen Regionen, deshalb auch völlig zu Recht die kleinteilige Aufgliederung, die im Detail auch jeweils gut begründet wird. Kartenmaterial und Statistiken ergänzen die Darstellung in Text und Bildern. Alle Fotografien sind beschriftet und mit dem Tag der Aufnahme dokumentiert. Es sind Landschaften und Naturszenen, Städte und Dörfer, Industrieanlagen und Häfen, Straßenzüge, Klöster, Kirchen und Kirchenburgen, regionaltypische Bauernhäuser, „Roma-Villen" und Wohnblocks sowie Monumente wie etwa der Triumphbogen aus Bukarest oder das Casino aus Konstanza gleichermaßen zu sehen. Auch historische Stätten wie etwa die Ruinen von Histria sind abgebildet. Fotos moderner Zweckbauten aus der Zeit des Sozialismus kommen dabei immer wieder neben Bildern historischer Gebäude und Straßenzüge zur Geltung. Deutlich wird bei all dem auch, wie vielfältig das Land ist, von den Hirten in den Karpaten und den Fischern im Donaudelta über die Industrie und das Leben in der Großstadt bis hin zur Ethnie der Roma, die auch im Bild zu sehen sind. Auch manche verblüffenden oder heiteren Details wie etwa arabische Schriftzeichen am Alten Rathaus von Temeswar (S. 69, Foto Nr. 17) oder auch eine Häuserwand mit zum Trocknen aufgehängtem Knoblauchreihen in Botoşani (S. 142, Foto Nr. 18) gehören zum hier versammelten Bildmaterial.
Dabei weckt oder hinterlässt das Buch niemals den Eindruck eines bloßen Bildbandes oder kitschiger Postkartenromantik. Dafür sorgen immer wieder auch die Bilder von Menschen, die Szenen aus dem Alltagsleben zeigen vom Kirchgang in Tracht über manches Marktgeschehen bis hin zu spielenden Kindern auf der Straße und mancher Männerrunde im Wirtshaus. Auch wenn die Fotos aus der Zeit vor 1989 sicher viel aussagen über die sozialistische Zeit, so wird doch auch erkennbar, dass die Menschen auch ein normales Alltagsleben führten und zu bewältigen hatten. So manche Bilder wecken Nostalgie, wenn etwa der parkähnliche begrünte Große Ring von Hermannstadt aus den 1970er Jahren zu sehen ist (S. 87, Fotos Nr. 83 u. 84).
Die Bildauswahl ist genauso exzellent wie die inhaltliche Darstellung und Gewichtung der Begleittexte. Dabei werden selbst Details wie die Umweltkatastrophe von Baia Mare im Jahr 2000 erwähnt. Großes Gewicht legt Heller dabei immer wieder neben der historischen und geografischen Grundierung auf die wirtschaftliche Entwicklung der Regionen im Sozialismus und danach und auch die Bevölkerungsentwicklung, die sehr unterschiedlich verläuft, sowie auf die ethnischen Bevölkerungsstrukturen in den Regionen wie auch in den größeren Städte der Regionen, die allesamt ebenfalls substanziell und gleichzeitig kurz und bündig vorgestellt werden.
Der Band stellt eine echte Leistung dar. Er offeriert eine buchstäblich anschauliche Darstellung Rumäniens seit den 1970er Jahren in Bildern und gleichzeitig eine aktuelle, breit angelegte Landeskunde mit ausgewogener Mischung aus Geschichte, Geographie und Gegenwart.

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