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Spuren, die vergehen

2. November 2010

Simon Geissbühler
Auf der Suche nach dem jüdischen Sathmar/Satu Mare
Hentrich & Hentrich Verlag: Berlin 2010, 104 S., zahlreiche Farb- und S/W-Abbildungen, ISBN 978-3-942271-00-4

Rezensent: Jürgen Henkel

Der vorliegende reich und sehr eindrucksvoll bebilderte Band bietet eine Spurensuche zu den Zeugnissen der jüdischen Kultur und Präsenz in der Region von Sathmar/Satu Mare im Nordwesten Rumäniens. Der Autor, Simon Geissbühler, ist Historiker und Politologe und als Diplomat an der Schweizer Botschaft in Bukarest tätig. Er ist bemüht, die Geschichte und das Schicksal der Juden in dieser Region darzustellen entlang jener Zeugnisse, die er bei mehreren Reisen in die Region vorgefunden hat und die noch sichtbar sind: den meist verfal-lenen jüdischen Friedhöfen und Synagogen. Er beschreibt, was er sieht, ergänzt um histori-sche Reminiszenzen und Kommentare. Viele aktuelle und einige historische Fotos dokumen-tieren das Gesehene.
Das Buch erhebt, obwohl es bewusst sehr persönlich und subjektiv angelegt ist, den An-spruch, historisch zu arbeiten, der Erinnerungskultur zu dienen und gegen das Vergessen der jüdischen Kultur in Rumänien anzutreten. Das Anliegen an sich ist überaus sinnvoll und berechtigt, doch die konkrete Ausführung lässt viele Fragen offen und bleibt in mancher Hin-sicht recht unbefriedigend, was die inhaltliche Darstellung betrifft. So ist das Buch stellenwei-se in einem sehr unsachlich-emotionalen Ton gehalten, der angestrengt und anstrengend wirkt. Der erzählend-feuilletonistisch gehaltene Text stellt die historische Entwicklungen dar, allerdings verzerrt durch manche Einseitigkeit.
Das Buch ist bemüht, den Holocaust in Rumänien und angeblich latenten Antisemitismus der Rumänen bis in die Gegenwart zu kritisieren, macht dies aber gerade an einer Region deut-lich, in der der Holocaust nun tatsächlich nicht dem rumänischen Faschismus, sondern dem Faschismus in Ungarn geschuldet ist. Nordsiebenbürgen wurde durch den „Wiener Schieds-spruch“ Hitlers 1940 Ungarn zugeschlagen. Seitenlang wird jedoch die fehlende Vergangen-heitsbewältigung der Shoa in Rumänien reflektiert. Darauf und auf die Vergangenheitsbewäl-tigung des Holocaust in Ungarn, um den es in Sathmar geht, kommt Geissbühler leider nicht zu sprechen. Der Leser muss schon sehr genau lesen, um Hinweise darauf zu finden, dass der Holocaust in Sathmar eben „eine ungarische Realität ist“ (S. 51). Die Zahl der jüdischen Gemeinden und der Juden hat sich aber genau dadurch atomisiert, nicht durch rumänische Assimilierung nach 1945. Die „kollektive Amnesie“, die der Autor beklagt, betrifft Ungarn si-cher nicht weniger als Rumänien, wird aber nur für Rumänien kritisiert. Das Buch leidet in dieser Hinsicht an einer Schlagseite.
Von einem Diplomaten dürfte der Leser im Übrigen auch eine objektivere und weniger verur-teilende und phasenweise sogar Menschen beleidigende Darstellung erwarten. Das ist manchmal jenseits der Grenze des Erträglichen, wenn Bukarest nur als stinkende Großstadt verschwitzter Proleten dargestellt wird, der dann die grüne Landschaft und die unberührte Natur aus der Maramuresch entgegengehalten werden: „Das andere Rumänien beginnt dort, wo nicht mehr Bukarest ist. Dort gibt es Landschaften wie im Traum. (…) Langgezogene, sanfte Hügel. Schwere Gewitterwolken. Tiefgrüne Wälder.“ (S. 24) Das ist regelrecht kitschig, auch wenn dem Schweizer die Berge und Hügel der Maramuresch in Siebenbürgen sicher sympathischer sind als die Millionenstadt in der flachen und heißen Walachei.
Geissbühler schwelgt in solchen Klischees. Wer Bukarest jedoch vorurteilsfrei wahrnimmt, der kann dort durchaus mehr entdecken als aggressive Autofahrer in verrosteten Dacias, sinnlos drängelnde Metrobenutzer, Staus und braun-dreckige Häuserfassaden, um nur we-nige der „Bukarester Impressionen“ Geissbühlers zu zitieren. Das ist platt, oberflächlich und vordergründig, bisweilen sogar menschenverachtend, wenn er etwa die Bukarester pauschal als „Landproletarier“ charakterisiert, die vom „Großen Psychopathen Ceauşescu“ dort ange-siedelt worden seien, und zu dem Schluss kommt: „Sie leben weiter wie Landproletarier, se-hen so aus, benehmen sich so.“ (S. 23) Auch wenn dies bestimmte Kreise sicher gerne hö-ren, sollte sich doch jeder Autor vor solchen Pauschalisierungen, Stereotypen und Klischees hüten.
Das Buch lebt von den aussagestarken Fotos, darunter auch sehr bewegende Detailauf-nahmen von Friedhöfen und Synagogen. Diese fotodokumentarische Leistung ist das größte Verdienst des Buches. Der Begleittext hingegen verdient kritische Lektüre.

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